Prof. Dr. Brigitte Groneberg: Nachruf

Brigitte Groneberg ist am Donnerstag, 5. Februar 2026, im Alter von 80 Jahren nach längerer Krankheit gestorben. Sie wurde am 9. April 1945 in Regensburg geboren und studierte in Münster, wo sie 27-jährig mit einer Arbeit zur literarischen Hochsprache der altbabylonischen Zeit bei Wolfram von Soden promoviert wurde („Untersuchungen zum hymnisch-epischen Dialekt der altbabylonischen Texte“, 1972). Im Anschluss erarbeitete sie bei Wolfgang Röllig in Tübingen das Grundlagenwerk zur Geographie Mesopotamiens in altbabylonischer Zeit, das "Répertoire Géographique des Textes Cuneiformes 3: Die Orts- und Gewässernamen der altbabylonischen Zeit", was 1980 erschien. Bis 1987 war sie dann wissenschaftliche Assistentin am Tübinger Seminar. Aus dieser Zeit hat Groneberg, nach ihren eigenen Worten, viel für ihr wissenschaftliches Leben mitgenommen, wofür sie Wolfgang Röllig dankt: "Disziplin, Toleranz und eine globale Sicht Mesopotamiens in einer hochkulturellen vorderasiatischen Umwelt ..." (Groneberg 1997, viii). Während dieser Zeit war sie auch für das Chicago Assyrian Dictionary tätig; auf ihre "drafts" verweist das Vorwort von CAD T. Außerdem erarbeitete sie ihre Habilitationsschrift "Syntax, Morphologie und Stil der jungbabylonischen 'hymnischen' Literatur", die 1987 erschien. Ihr Weg führte sie 1989 an das CNRS nach Paris, wo sie an der Erschließung der Texte aus Mari mitarbeitete. 1990 wurde sie auf einen Lehrstuhl an die Universität Hamburg berufen, von dort 1999 an die Georg-August-Universität Göttingen. In Göttingen prägte sie den Umbau der Studiengänge nach der Bologna-Reform entscheidend mit, indem sie einen Verbund von Fächern zur Erforschung der Antike schaffte, der als Monofach-Studiengang Antike Kulturen bis heute ein wichtiger, beliebter Studiengang ist; in Göttingen war sie dann auch 2006-2008 als Vizepräsidentin für Lehre tätig.
Brigitte Groneberg hat sich intensiv für die Erforschung der literarischen Hochsprache des Babylonischen engagiert und zugleich für die literarischen Texte selbst. Insbesondere akkadische Quellen zu Ištar hat sie in Pionierarbeit ediert und kommentiert:

• Gebet an Annunītum, Groneberg 1971, 97ff. (Erst-Edition)
• Ištar Louvre (Erst-Edition), Groneberg 1997
• Ištar und Ṣaltu = Agušaja-Lied, Groneberg 1997
• Ištar Baghdad (Erst-Edition), Groneberg 1997

Durch intensive Vergleiche mit sumerischen Innana-Texten und durch Nachdenken über die Texte und ständiges Hinterfragen der philologischen Grundlagen (vgl. 1997, vii-viii) gelang es ihr darüber hinaus, wegweisende Ergebnisse für die situative Verortung zu erarbeiten. Sie erkannte, dass auch Preislieder, zu denen uns keine Ritualhandlungen überliefert sind, als Kernstücke von Ritualen fungiert haben und bezeichnete sie daher als "implizite Rituale" (1997, 138). Besonders die Ekstase-Praktiken im Ištar-Kult arbeitete sie, auch kulturvergleichend, heraus (1997, 152-154). Von der Auswertung der rituell-religiösen Funktion von Quellen führte der Weg folgerichtig zu Arbeiten über die Vorstellungen von den Göttern in Mesopotamien: Zur Übersicht über die wesentlichen Gottheiten in "Die Götter des Zweistromlandes" (2004), das, schön gestaltet im Artemis-Winkler-Verlag, auch über die Fachwelt hinaus auf ein größeres Publikum zielt, und in einem gemeinsam mit Hermann Spieckermann herausgegebenen Band "Die Welt der Götterbilder" von 2007. Wesentlich wirkte sie beim DFG-geförderten Graduiertenkolleg "Götterbilder – Gottesbilder – Weltbilder" mit.
Ihre Forschungsleistungen würdigt die Festschrift "Von Göttern und Menschen. Beiträge zur Literatur und Geschichte des Alten Orients", die 2010 in der Reihe Cuneiform Monographs erschien.
Von Brigitte Groneberg muss zweifellos eine große Begeisterung auf Studierende ausgestrahlt haben: Viele haben selbst wesentliche Arbeiten für die Wissenschaft geleistet wie Michael Haul, Dahlia Shehata, Frauke Weiershäuser, Kamran Zand; andere, die bei ihr im Nebenfach studiert haben wie Andreas Effland, haben z.B. die Ägyptologie bereichert. Groneberg hat die Nachwuchsforschenden dabei intensiv gefördert, indem sie zwei wissenschaftliche Reihen gründete, in denen wichtige Studien erschienen, nämlich in den "Göttinger Arbeitsheften zur altorientalischen Literatur" (GAAL), die durch eine anonyme Stiftung und durch die Förderung des Präsidiums der Universität möglich wurden und dazu dienten, "in unkomplizierter Form und dennoch möglichst perfekt ... gute und preiswerte Publikationen anzubieten", die auch über das reine Fachpublikaum hinaus interessieren sollten. Hier erschienen "Das Etana-Epos" von Haul (GAAL 1, 2000) oder die "Annotierte Bibliographie zum altbabylonischen Atramḫasīs-Mythos Inūma ilū awīlum von Dahlia Shehata (GAAL 3, 2001). Auch Mitarbeitende wie Wolfgang Schramm publizierten dort "Bann, Bann! Eine Sumerisch-Akkadische Beschwörungsserie" (GAAL 2, 2001). Die Reihe wurde dann fortgesetzt durch die "Göttinger Beiträge zum Alten Orient" (GBAO), wo z.B. Frauke Weiershäuser, „Die königlichen Frauen der III. Dynastie von Ur“ (GBAO 1, 2008) herauskam. Auch wenn dieses Buch ebenso wie Schramms Buch zu den sumerisch-akkadischen Beschwörungen (GBAO 2, 2008), Shehatas "Musiker und ihr vokales Repertoire" (GBAO 3, 2009) und Hauls "Stele und Legende" (GBAO 4, 2009) vergriffen sind, so sind sie doch durch die open access-Bereitstellung des Göttinger Universitätsverlages weiterhin erhältlich (https://univerlag.uni-goettingen.de/handle/3/Goettingen_contributions_to_old_orient_series/browse?sort_by=3&ord). Die Reihe GBAO wird nach einer 15-jährigen Pause inzwischen wieder weitergeführt.
Noch ein paar persönliche Worte: Brigitte hatte eine zupackende, oft unkonventionelle Art. Aus ihrem Herzen machte sie keine Mördergrube, was in überraschenden, spontanen Kommentaren deutlich wurde. Von wissenschaftlicher Sippenhaft oder vorurteilbehafteter Zuweisung zu einer anderen "Schule" war Brigitte völlig frei. Überhaupt war Brigitte von einer überaus unkomplizierten und freundschaftlichen Kollegialität, auch gegenüber jüngeren Kollegen und Kolleginnen. Wie wichtig ihr diese Haltung war und dass sie sich bewusst dafür entschieden hat, zeigen ihre eigenen Worte (1987, p.X), mit denen sie Erica Reiner dankt: "Im Endstadium [des Buches über die jungbabylonische Literatur] hat mir Frau E. Reiner mit ihrer Bereitschaft, Textstellen und grammatische Einzelfragen nicht schulmeisterhaft sondern unvoreingenommen zu diskutieren, die Freude am wissenschaftlichen Arbeiten wieder eröffnet." Sie ist ein großes Vorbild, wie wir sie uns auch in Zukunft das Zusammenleben an der Universität und in der Altorientalistik wünschen.
Brigitte lebte eine große Gastfreundschaft und hat sich gerne mit anderen ausgetauscht. Liest man die Vorworte ihrer Bücher, dann waren dies u.a. Antoine Cavigneaux, Erica Reiner, Gebhard Selz und Frans Wiggermann. Besonders inspirierend war ihre Ehe mit Barend Jan Terwiel (Baas), den sie als Professor für Thaiistik an der Universität Hamburg kennengelernt hatte.
Selbst in den letzten Lebensjahren, die von zunehmender Krankheit geprägt waren, strahlte Brigitte noch eine große Ruhe und Freude aus. Bei Berichten über das großartige Team am Altorientalischen Seminar leuchteten ihre Augen. Ganz besonders liebte sie in diesen Zeiten das gemeinsame Singen von Liedern. Ich bin überaus dankbar für die Begegnungen mit Brigitte seit 2004, der ich zum ersten Mal beim Symposion des Göttinger Graduiertenkollegs „Götterbilder – Gottesbilder – Weltbilder" begegnen konnte, und für die vielfältigen Inspirationen, die sie mir und so vielen anderen mitgegeben hat.