Göttinger Mythosforschung
Mythen gehören zu den faszinierendsten Schätzen der antiken Kulturen. Mythen waren vom antiken Mesopotamien bis ins alte Rom omnipräsent als Instrumente öffentlicher Diskurse und privaten Nachdenkens, festgehalten in u.a. großen Epen, kleinen Gedichten, Reliefs und Miniaturwerken. Für die Mythosforschung gehören diese Quellen zu den besonderen „Schätzen der Menschheit“: Ihre philologische und kulturwissenschaftliche Erschließung ermöglicht neue Einblicke in die frühesten Reflexionen des Menschen über sich selbst und seine Welt.
Die antiken Mythen regen ebenso durch ihre Nähe wie durch ihre Fremdheit zum Weiterdenken an. Zugleich gehören Mythen zu den größten Herausforderungen für die Wissenschaften: ihre spezifischen Mechanismen, semantischen Kontexte und historischen Funktionen sind nicht einfach zu entschlüsseln. Forschungsverbünde der Universität Göttingen aus dem Bereich der antiken Kulturen haben sich dieser Herausforderung gestellt, indem sie an theoretischen und methodischen Grundlagen der Mythosforschung gearbeitet und deren Anwendbarkeit in vielen exemplarischen Studien aus verschiedenen Disziplinen getestet haben.
Vom Seminar für Altorientalistik wurden mehrere Initiativen zur interdisziplinären Mythosforschung begründet. Eine davon ist die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Collegium Mythologicum, ein think tank, in dem sich Wissenschaftler*innen und Doktorand*innen verschiedener Disziplinen von den reichhaltigen mythischen Texten der altorientalischen und andern antiken Überlieferungen herausfordern lassen und im fächerübergreifenden Austausch Fragestellungen, methodische Herangehensweisen und neue Erkenntnisse zu solchen Mythen testen. Außerdem geht es darum, sich den facettenreichen Fragen zu stellen, die sich aus dem modernen Blick auf die Mythen sowie aus den Mythen mit Blick auf die Moderne ergeben. Die Mitglieder des Collegium mythologicum entstammen den Disziplinen Altorientalistik (Sumerologie, Akkadistik, Hethitologie), Ägyptologie und Klassische Philologie. Sie standen und stehen in Verbindung zum Seminar für Altorientalistik, zum Lichtenbergkolleg und zur Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Seit 2010 arbeiten sie zusammen in regelmäßigen Interdisziplinären Kolloquien zur Mythosforschung.
Von 2016 bis 2026 hat die internationale und interdisziplinäre Forschungsgruppe FOR 2064 STRATA eine kulturspezifisch und kulturvergleichend anwendbare Theorie und Methodik erarbeitet, mit der sich mythische Erzählstoffe und ihre Schichten (Strata) aus Quellen rekonstruieren lassen. Diese Methodik basiert auf die Reduzierung einer medialen Konkretion auf die kleinsten zustands- und handlungstragenden Einheiten (Hylemen) und der dadurch möglichen Rekonstruktion von Erzählstoffen (Hylemanalyse). Darauf bauen weitere Methoden auf wie die Sequenzanalyse, Stratifikationsanalyse und Mythenanalyse auf. Dadurch lassen sich Mythen aus den verschiedensten Kulturräumen, von den frühesten Zeugnissen Mesopotamiens über die griechisch-römische Antike und Spätantike bis in die Jetztzeit identifzieren, rekonstruieren und miteinander vergleichen.
Topography - Mythology - Narration, abbreviated TEMEN (sumerisch für „Fundament“), war ein Gemeinschaftsprojekt der Georg-August-Universität Göttingen und der Hebrew University Jerusalem, das von 2014 bis 2018 lief. Das Projekt befasste sich mit der Mythologie des Alten Orients und hatte zum Ziel, einzelne mythische Hyleme und Hylem-Sequenzen („Mythen“) zu identifizieren, um ihren Platz in einem religiösen, historischen und sozialen Umfeld des alten Mesopotamiens zu rekonstruieren. Das Projekt schuf die Grundlage für mehrere neue Kooperationsprojekte zur Mythologie und Religion im alten Mesopotamien.
Annette Zgoll, Direktorin des Seminars für Altorientalistik
Christian Zgoll, Seminar für Klassische Philologie
Projekt-Initiatoren